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Innovationskünstler im Gespräch: Simon Reichenwallner und Fabian Pfaffenberger über Wasserstoff und den Hydrogen Dialogue

Ist der Hype um Wasserstoff gerechtfertigt? Und wie profitieren wir hier in der Region davon?

Mit Fabian Pfaffenberger und Simon Reichenwallner blicken wir auf den Hydrogen Dialogue 2021 zurück und werfen einen Blick in die Zukunft des Wasserstoffs - international sowie für die Metropolregion Nürnberg

Nico Kubanek:

Herzlich willkommen zu unserer Reihe „Platz für Innovation und Künstler“, dem Podcast, der die Macher hinter den Innovationen in der Metropolregion Nürnberg vorstellt. Letzte Woche fand der Hydrogen Dialogue 2021 in der Messe Nürnberg statt und für uns Grund genug, dem Trendthema Wasserstoff einmal etwas näher auf die Pelle zu rücken. Dabei wollen wir auch mal eine provokante Frage stellen und versuchen herauszufinden, wie die Metropolregion Nürnberg von dem Thema profitieren kann. Heute habe ich dafür Fabian Pfaffenberger, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Zentrum Wasserstoff Bayern, und Simon Reichenwallner, Koordinator der Wasserstoff Initiative Metropolregion Nürnberg und Projektleiter für ein High Power EMN als Gast. Herzlich willkommen! Schön, dass Sie heute zu Gast seid. Simon, gleich mal mit der Frage einsteigen: Ist der Hype um Wasserstoff eigentlich gerechtfertigt?

 

Simon Reichenwallner:

Ja, da würde ich gleich die Gegenfrage stellen wollen: Gibt es überhaupt einen Hype um Wasserstoff? Ich glaube, hier muss man klar unterscheiden, auf welchen Ebenen Wasserstoff derzeit für Wirbel sorgt. Und zwar derzeit bezieht sich der Hype meiner Meinung noch fast ausschließlich auf Fachkreise und die Politik. Einfach getrieben durch diesen hohen Druck, die Klimaziele im Moment zu erreichen und auch spezifische Wirtschaftsbereiche in Deutschland zu dekarbonisieren, bei denen jetzt zum Beispiel eine Elektrifizierung von Prozessen generell erst mal nicht möglich ist und dort eben anstatt dessen Wasserstoff einzusetzen. Da ist im Moment aber eben nur sehr selten direkte Berührungspunkte in unserem täglichen Leben mit Wasserstoff gibt, ist das Thema noch nicht wirklich in der Bevölkerung angekommen und somit ist meiner Meinung nach auch kein allumfassender Hype vorhanden. Also wir müssen uns auch immer vor Augen halten, dass es in dem Sinne noch 10 bis 20 Jahre wahrscheinlich dauern wird, bis Wasserstofftechnologien wirklich in der breiten Anwendung angekommen sein werden.

 

Nico Kubanek:

Okay, und das ist etwas, was du ja auch in deinem täglichen Doing vermittelst und spürst. Vielleicht noch so ganz kurz als Aufhänger, was du genau in deiner Tätigkeit in dem Bereich machst.

 

Simon Reichenwallner:

Ja, als Koordinator der Wasserstoff Initiative der Metropolregion Nürnberg versuchen eben alle Akteure in dem Sinn von ganz Nordbayern in dem Bereich Wasserstoff zu vernetzen, die zusammenzubringen, das Thema „Forschung und Entwicklung“ einerseits natürlich voranzutreiben, aber eben auch generell die Bevölkerung auch bei dem Thema mitzunehmen, zu informieren, zum Beispiel über Bildungspartnerschaften.

 

Nico Kubanek:

Und Fabian, für dich die gleiche Frage: Ist der Hype um Wasserstoff gerechtfertigt? Und auch die Bitte, kurz zu erzählen, was du so machst?

 

Fabian Pfaffenberger:

Okay, also nach meiner Sicht ist der Hype definitiv gerechtfertigt. Also es gibt einen Hype, der begann auch schon vor anderthalb Jahren knapp in Deutschland. Es ist auch nicht die erste Wasserstoff-Welle, die wir beobachten können. Also es gab schon vorher, vor zehn bis zwanzig Jahren gab es ähnliche Entwicklungen. Was macht es diesmal anders und was macht es zu einer hoffentlich nachhaltigen Entwicklung? Naja, wir haben einerseits eine doch sehr reife Technologie in den verschiedenen Bereichen, in der Wasserstoff Erzeugung, aber auch in den Transportmöglichkeiten und der Nutzung. Wir haben einerseits auch die Akzeptanz und den politischen Willen, der hoch ist, andererseits haben wir aber auch den konkreten Bedarf da. Also, Simon hat es bereits schon gesagt, wir haben die Klimaschutzziele, die jetzt noch mal nachgeschärft wurden, bis 2045. Wir haben auf der europäischen Ebene sehr großen Handlungsbedarf, die Industrie zu dekarbonisieren beziehungsweise eigentlich auch die gesamte Gesellschaft. Ein Punkt, der sich momentan noch finden muss, ist die Wirtschaftlichkeit, also diese letzte, diese vierte Säule. Natürlich, wirtschaftlich werden diese Anwendungen erst, wenn man sie im großen Stil einsetzen kann. Und das ist natürlich auch ein wichtiger Punkt, den wir jetzt in den nächsten Jahren erreichen müssen. Das internationale Umfeld ist teilweise auch schon weiter, wenn wir nach Japan, Südkorea, auch Frankreich oder Australien schauen. Dort ist dieser Hype auch schon angekommen. In Japan, Südkorea ist das eigentlich schon gar kein Hype mehr, sondern dieser Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung ist da in vollem Gange. Deswegen schauen wir da natürlich auch ein bisschen neidisch hin. Aber ich denke, das ist auch ein Beleg dafür, dass wir eigentlich gar nicht mehr um einen Hype sprechen müssen, sondern eigentlich schon um eine beginnende nachhaltige Entwicklung. Zu der Frage, was wir jetzt hier machen im H2.B: Wie fügt sich das H2.B in die gesamte Entwicklung ein? Ja, wir wurden 2019 durch den Freistaat Bayern gegründet, sitzen hier in Nürnberg, dienen als Vernetzung- und Informationsplattform für Wasserstoffakteure in Bayern, bedienen sozusagen die höhere Flughöhe im Gegenzug zu den vielen starken und sehr aktiven lokalen regionalen Netzwerken, wie sie hier Nürnberg beispielsweise ist. Und wir dienen natürlich auch als Impulsgeber und versuchen durch Akteurs-Matchmaking beispielsweise Akteure aus Bayern und international zusammenzubringen, um Demonstrationsprojekte zu initiieren, aber vor allem auch zu informieren und diesen Impuls, den es jetzt gibt, auch an die Akteure in Bayern weiterzugeben. Und eine Aktivität wäre jetzt hier auch der Hydrogen Dialogue, den wir dieses Jahr zum zweiten Mal veranstaltet haben. Was ist der Hydrogen Dialogue? Kurz zur Einordnung: Das ist eine gemeinsame Veranstaltung durch die Nürnberg Messe und dem Zentrum Wasserstoff Bayern. Ziel ist es, Wasserstoff-Akteuren eine gemeinsame Plattform zu bieten, um zu diskutieren, Technologien zu entdecken. Mittlerweile ist das ein internationaler Kongress geworden für ExpertInnen und EntscheiderInnen mit begleitender Ausstellung dieses Jahr. Leider Corona bedingt zum Zweiten Mal digital. Aber wir hatten jetzt auch dieses Jahr wieder spannende Diskussionen, die momentan auch sehr bedeutend sind. Also, das wäre jetzt einerseits was sind die Notwendigkeiten für einen schnellen Hochlauf der Wasserstoff Wirtschaft? Das heißt: Welche Maßnahmen und Rahmenbedingungen braucht es, um jetzt hier auch wirklich in den Hochlauf zu kommen? Dann aber auch: Wo soll denn Wasserstoff produziert werden? Welche Rolle spielen da auch Energie Partnerschaften im internationalen Kontext? Und wo soll dann der Wasserstoff zunächst eingesetzt werden? Also wir werden beobachten, dass Wasserstoff am Anfang eher nur eingeschränkt zur Verfügung steht. Das waren Debatten, die wir beim deutschen Dialog auch diskutiert haben.

 

Nico Kubanek:

Spannende Fragestellungen, die ich gerne noch ein bisschen tiefer mal mit euch betrachten würde, gerade weil ihr ja so ein Stück weit, ja ich sag mal eine unterschiedliche Brille auch tragt. Zum einen zu diesem globalen nationalen, internationalen Ansatz und auf der anderen Seite auch diese regionale Brille. Was bedeutet es bei uns vor Ort für die Region? Und so weiter. Dann vielleicht mal gleich zu der ersten Frage: Wie gelingt dieser schnelle Hochlauf vom Thema Wasserstoff in der Wirtschaft? Fabian, ich glaube, das ist ja ein Thema, das du mit als zentralen Punkt angesprochen hast.

 

Fabian Pfaffenberger:

Genau. Also das ist natürlich eine sehr wichtige Frage, weil sehr viel diskutiert wird und alle Fragen: Ja, wie gelingt das? Es gibt verschiedene Ansätze, es gibt verschiedene Meinungen. Förderinstrumente sind das eine. Also, wir haben allein durch den Bund 9 Milliarden an Fördermitteln, die zur Verfügung stehen, 7 Milliarden davon im nationalen Kontext, 2 Milliarden für Energiepartnerschaften. Der Wille ist auch da, der Druck ist auch da. Wir hatten das eingangs ja auch erwähnt. Also wir müssen die Klimaschutzziele einhalten. Jetzt, noch fünf Jahre früher als zu Beginn der Aktivitäten der Wasserstoffaktivitäten in Deutschland, sind uns aber teilweise noch unsicher. Also wir haben hier klassisch Deutschland, sehr viel Bürokratie, sehr viel Detailversessenheit. Das bremst die Entwicklung und macht natürlich auch eine gewisse Investitionssicherheit bei Konzernen, bei Unternehmen. Und es geht hier nicht nur um den Großkonzernen, sondern auch um kleinere Zulieferer, Familienunternehmen. Also, das ist ein großes Problem, auch die Dauer der Bürokratie. Also, wenn wir jetzt Windräder beispielsweise bauen, haben wir ein Zulassungsprozess von circa fünf Jahren und Windräder brauchen wir, um den sogenannten grünen Wasserstoff herzustellen, also Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien wie Windkraft, Solarkraft, Wasserkraft erzeugt wird. Das setzt sich fort: EEG Umlage Befreiung. Man hat jetzt letzte Woche eine neue Definition von grünem Wasserstoff gemacht. Jetzt weiß man aber gar nicht, wie lange diese Definition noch gilt, weil das EU-Parlament sich auch noch mal dazu äußern möchte. Und das heißt das ganze Dokument wird vielleicht noch mal erneuert werden müssen. Also das ist, das ist wirklich schlimm. Die Diskussion hangelt sich auch am Wirkungsgrad entlang. Jeder möchte immer das Optimum, aber eigentlich sollte man jetzt anfangen. Es fehlt ein gewisser Pragmatismus. Auch die reine Fokussierung auf grünen Wasserstoff ist schwierig, da wird der Hochlauf unter Umständen abgewürgt. Blauer Wasserstoff also, der zum Beispiel aus Erdgas gewonnen wird und dann das freiwerdende CO2 wird dann gespeichert oder direkt genutzt. Das werden wir wahrscheinlich benötigen, also den blauen Wasserstoff oder vielleicht auch Wasserstoff aus Atomstrom aus Frankreich. Die Atomkraftwerke sind da, wir sollten uns da nicht abkapseln. Als Übergang wäre das wichtig. Also das oberste Ziel sollte grüner Wasserstoff sein, aber der Weg zum grünen Wasserstoff sollte bunt sein, um nicht den internationalen Anschluss zu verlieren.

 

Nico Kubanek:

Okay, und jetzt ist natürlich auch spannend zu sehen, was ist die Sicht aus regionaler Perspektive bei uns vor Ort, Simon?

 

Simon Reichenwallner:

Fabian hat ja gerade die schönen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich zusammengefasst. Und jetzt stellt sich die Frage, was wirklich auf der Regionsseite eigentlich auch beigetragen wird, oder: Welche Mehrwerte können aus dieser Entwicklung auch rausgezogen werden? Und also in der Metropolregion Nürnberg sehen wir eigentlich für den schnellen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft primär erst einmal die Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen als vorrangig an, um einfach generell im Moment auch diese Forschungs- und Entwicklungsthemen wesentlich schneller voranzutreiben. Also es geht da auch um die Skalierung von Wasserstofftechnologien. Wie kann man hier auch in drei Segmente hineinkommen, die auch breite Umsetzung von Wasserstofftechnologien ermöglichen? Und das ist im Moment ein sehr forschungs- und Entwicklungs-lastiges Thema. Andererseits geht es aber auch darum, regional neue Wertschöpfungsketten zu bilden. Also: Wie können sich die Unternehmen, Kommunen auch zusammenschließen, um generell die ganze Kette von der erneuerbaren Energieerzeugung bis über Transport, Speicherung bis zur Anwendung des Wasserstoffs eigentlich abzubilden in der Region? Und andererseits, was uns auch in der Region beschäftigen wird, ist das Thema „Aus- und Weiterbildung von qualifizierten Fachkräften“. Das wird uns auch weltweit natürlich beschäftigen, um hier auch die qualifizierten Fachkräfte zu finden und zu haben am Ende. Und die Metropole Nürnberg hat hier eine extrem gute Ausgangslage, unserer Meinung nach. Denn es gibt extrem viele Unternehmen, also insbesondere auch kleine und mittlere Unternehmen, aber auch einige Global Player, die bereits jetzt oder schon lange auch im Wasserstofftechnologiebereich und im Bereich von Wasserstoffdienstleistungen,  -Services tätig sind. Also die haben schon Produkte und Services in diesem Bereich. Es gibt aber auch viele Unternehmen, die insbesondere aus der Automobilzulieferindustrie zum Beispiel kommen. Also in Oberfranken haben wir einen großen Automobilzulieferer-Schwerpunkt. Und die müssen sich jetzt aber auch angesichts dieser ganzen Elektrifizierungsdebatte im Bereich der Fahrzeuge nach neuen Geschäftsmodellen umsehen und haben auf der anderen Seite extrem viel Know-how, was jetzt das Thema Antriebstechnik beispielsweise oder Maschinenbau angeht. Und diese Kompetenz jetzt auf das Thema Wasserstoff unter anderem auch zu übertragen, ist eine der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Und das kann aber sehr gut auch durch die Forschung in der Region in dem Sinne begleitet werden. Wir haben hier in der Region rund 13 Hochschulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen, die alle an Wasserstoffthemen arbeiten. Und damit belegen wir im deutschlandweiten Vergleich Platz zwei, was die Dichte an Wasserstoffforschung angeht. Und ich denke, wenn man die beiden oder die drei Punkte Wirtschaft, Wissenschaft und dann eben auch die Kommunen zusammenbringt, hat man da sehr gute Voraussetzungen für den schnellen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft.

 

Nico Kubanek:

Simon, es ist aber dann auch die Frage, die sich dann da anschließt und die ich gleich gerne noch mal dich richten würde: Wo kommt der Wasserstoff her? Sollen wir ihn vor Ort produzieren oder importieren? Was ist da wichtiger oder sinnvoll?

 

Simon Reichenwallner:

Also es lässt sich in dem Sinn für die Region relativ einfach beantworten, weil Bayern als allgemein auch kein großer Erzeuger im Bereich Wind und Sonne in dem Sinne ist. Das heißt, wir haben auch wenige Möglichkeiten, im Vergleich zu Windkraft-Standorten in Norddeutschland einen großen Überschuss an Stromproduktion aus erneuerbaren Energien zu haben. Das heißt jetzt Sonne, Wind oder Biomasse. Und deswegen wird man für Anwendungen in der Region vermutlich in Zukunft auch verstärkt auf Importe von Wasserstoff aus anderen Bundesländern oder auch aus anderen Ländern generell angewiesen sein. Und ja, du hattest die Energie-Partnerschaften erwähnt, die werden natürlich extrem wichtig sein. Also es werden ja inzwischen auch auf deutscher Ebene, aber auch auf Bayern-Ebene schon Energie-Partnerschaften abgeschlossen und die werden aber auch insofern wichtig sein, dass man hier zusammenarbeitet, dass man vor allem auch in diesen Herkunftsländern von Wasserstoff, vor allem auch sozial und ökologisch verträgliche Wasserstoffproduktion eigentlich gewährleistet. Denn was wir eigentlich nicht wollen, ist, dass dann eben zum Beispiel den Ländern des globalen Südens wie Afrika, wo eben viel Sonnenenergie vorhanden ist, um die Wasserstoffproduktion auch günstig voranzutreiben, dann eventuell Trinkwasser Probleme auftreten, die in Staaten sowieso schon extrem sind. Und das gilt es natürlich auch über solche Energie-Partnerschaften zu vermeiden. Nichtsdestotrotz haben wir aber auch in der Region selber schon heute die Möglichkeit, auch Wasserstoff herzustellen. Also es gibt in vereinzelten Landkreisen in der Metropolregion Nürnberg schon über das gesamte Jahr gerechnet, also bilanziell heute schon Überschüsse bei der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien. Ein Beispiel ist der Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge. Und hier sieht man jetzt schon, dass eben auch einer der größten Elektrolyseure in Deutschland gerade gebaut wird, der dann eben den überschüssigen Strom in Wasserstoff umwandelt, vor Ort speichert und dann eben für verschiedene Anwendungen wieder nutzbar macht. Also hier sehen wir eben schon eine parallele Entwicklung, aber der Hauptteil des Wasserstoffs wird sicherlich nicht aus der Metropolregion Nürnberg kommen.

 

Nico Kubanek:

Jetzt hast du gerade das übergeordnete angesprochen, auch globale Auswirkungen. Fabian, was ist so deine Einschätzung noch mal dazu?

 

Fabian Pfaffenberger:

Ja, wir beobachten das natürlich aus der bayerischen Sicht, aber auch über die deutsche nationale Sicht auf der internationalen Ebene. Ja, ist es so: Deutschland importiert bereits jetzt über 70 % seines Nettoenergiebedarfs und dieser Anteil wird sich noch vergrößern. Jede weitere Elektrifizierung wird dazu führen, dass wir einen erhöhten Energiebedarf in Deutschland haben. Und wie Simon auch schon gesagt hat: Gerade in Bayern ist es schon so, dass die Voraussetzungen, Strom herzustellen, nicht optimal sind. Also wir brauchen ja diesen Strom, um dann Wasserstoff herzustellen. Grünen Wasserstoff, idealerweise aus erneuerbaren Energien, also erneuerbaren Strom. Und sicherlich in Bayern gibt es die eine oder andere Region mit einem halbwegs guten Potenzial für Windkraft. Und auch die Solarphotovoltaik sieht jetzt nicht schlecht aus in Bayern, aber vergleichbar im internationalen Kontext sind wir jetzt sicherlich kein Land, das dafür einen optimalen Standortvorteil hat. Das heißt, die Stromerzeugungskosten in Deutschland sind aus vielerlei Hinsicht hoch. Also nicht nur, weil wir geringe Volllast Stunden haben bei Photovoltaikanlagen, bei Windrädern. Sondern auch durch bestimmte Dinge wie die EEG Umlage etc. sind die Stromkosten in Deutschland einfach sehr hoch, was dazu führt, dass der Wasserstoff, der in Deutschland hergestellt wird, einfach viel zu teuer ist. Also er ist nicht marktfähig. Wenn wir dann noch konkurrieren mit Gaspreisen und Strompreisen im Industriesektor, wird es noch deutlich schwieriger. Von daher: Es wird einen Energie-Import geben müssen und der wird vor allem über Wasserstoff laufen müssen. Wir können nicht aus Amerika über große Unterwasserkabel jetzt den Strom importieren oder aus Vorzugsregionen wie Chile, vor allem in der Region Patagonien oder aus Australien, sondern da wird Energie über den Energieträger Wasserstoff nach Deutschland importiert. Das ist jetzt auch wieder ganz wichtig aus der bayerischen Sicht. Wir brauchen, um die Technologie Kompetenz in Bayern zu stärken, Arbeitsplätze zu sichern, aber auch neue Arbeitsplätze zu schaffen. Stichwort auch Strukturwandel. Es werden Arbeitsplätze wegfallen, also brauchen wir auch neue. Dafür wird es auch wichtig sein, dass wir vor Ort einerseits Wasserstoff produzieren, andererseits aber auch darüber die Möglichkeiten haben, Technologien zu testen, dort auch Arbeitskräfte zu binden. Dass das Technologie Know-how auch in Deutschland zu halten oder in Bayern vor allem und auch der Öffentlichkeit zu zeigen: Schaut her, es geht. Das ist nicht Rocket Science, sondern das ist eine Technologie, die funktioniert, die eine Zukunft hat. Und deswegen ist es ganz wichtig, diesen Spagat zu schaffen. Einerseits zwischen sehr, sehr wichtigen Partnerschaften international, aber auch der punktuellen lokalen Erzeugung vor Ort.

 

Nico Kubanek:

Jetzt habt ihr auch beide schon mal angedeutet: Grüner Wasserstoff ist ein relativ knappes Gut im Moment. Fabian Deine Meinung: Was sollte man den zuerst einsetzen?

 

Fabian Pfaffenberger:

Ja, diese Verteil-Debatte ist ja getrieben durch ein paar sehr sichtbare Akteure. Also man spricht ja auch immer von Champagner gegen Wasser, gegen Tafelwasser. Also zur Einordnung: Champagner als kostbares Gut, nicht wirklich verfügbar, sehr teuer. Und Tafelwasser als Gegenstück, also Wasserstoff im Überfluss, wird sehr günstig sein und dementsprechend gibt es auch keine Verteil-Debatte. Also diese Debatte wird momentan sehr hitzig in der Öffentlichkeit geführt, auch beim Hydrogen Dialogue. Da gibt es verschiedene Sichtweisen und auch die verschiedenen Branchen versuchen sich natürlich als ideale Wasserstoff-Abnehmer zu positionieren. Also wir haben beispielsweise in Westdeutschland die Stahlindustrie, die sagt: Ja, wir können Wasserstoff jetzt schon einsetzen. Wir haben aber zum Beispiel auch auf der süddeutschen Achse Bayern, Baden Württemberg haben wir ja eine sehr starke Automobilindustrie. Da hängen allein in Bayern 200.000 Arbeitsplätze schätzungsweise dahinter. Um diese Zukunft dieser Automobilindustrie auch zu halten inklusive Zulieferindustrie, muss man natürlich jetzt auch auf Wasserstoff unter anderem wechseln. Klar, Batterie-elektrische Mobilität wird eine wichtige Rolle spielen. Und auch in dieser Debatte muss man immer sagen Wasserstoff ist nicht das Allheilmittel, sondern es ist ein Baustein in der Energiewende, fügt sich ein. Und vor allem im Bereich Mobilität wird es ein Nebeneinander an Batterie-elektrischer Mobilität und Wasserstoff-elektrischer Mobilität geben. Und hier wird auch viel mit Effizienz Argumenten diskutiert. Also lange Rede, kurzer Sinn: Wir müssen schauen, dass wir in ganz Deutschland Wasserstoff schnellstmöglich in die breite Anwendung bekommen, weil wir nur so auch die Wertschöpfungsketten sichern können, Arbeitsplätze sichern können auch das Technologiepotenzial sichern können. Wenngleich wir natürlich es nicht schaffen werden wahrscheinlich, dass bestimmte Wertschöpfungsketten ins Ausland weiter abwandern, weil beispielsweise woanders es eben deutlich attraktiver ist, auch Wasserstoff herzustellen. Aber diese Debatte „Stahl versus Automobilindustrie versus warme Wärme-Sektor“ ist schwierig, weil wenn wir uns jetzt zu sehr auf eine Sparte versteifen, dann würgen wir am Ende den gesamten Hochlauf ab. Und das ist auch ein falsches Signal für die Industrie, für die Forschung, für die Arbeitnehmer.

 

Nico Kubanek:

Okay, und Simon, die lokale Wahrnehmung zu dieser ja, auch kritischen Fragestellungen der Verteilung?

 

Simon Reichenwallner:

Ja, ich glaube, die Anwendung wird sich natürlich auf regionaler Ebene nicht stark von der globalen oder bundesweiten Sicht unterscheiden, die Fabian gerade dargestellt hat. Ich würde vielleicht einen Punkt noch mal herausgreifen: Auch die Anwendung von Wasserstoff hat in der Energiewende natürlich primär auch die Funktion eines Energiespeichers. Das wird vielleicht auch immer ein bisschen vernachlässigt. Hinter dem ganzen Gedanken also, der Gedanke ist ja auch: Die Schwankungen, die bei erneuerbaren Energien in der Erzeugung bestehen und in deren Verbrauch damit auszugleichen, dass man eben mit diesem Strom speichern kann. Und das ist eben auch Wasserstoff, der hier als Langzeitenergiespeicher dienen kann, also diese primäre Anwendung – in Anführungszeichen - kommt mir oft ein bisschen zu kurz. Und ja, ansonsten muss ich da nicht viel ergänzen zu dem, was Fabian erzählt hat. In der Metropolregion Nürnberg haben wir auch nicht sehr viel energieintensive Industrie. Es gibt teilweise ein bisschen Glas- oder Zementindustrie, aber vielleicht auch Kalk-Sandstein-Industrie, die schon überlegt, wie man eben hier Wasserstoff in verschiedenen Prozessen einsetzen kann. Und ansonsten wird der Anwendungsfokus oder ist derzeit zumindest im Gespräch, vor allem natürlich im Mobilitätsbereich liegen. Da eben aber immer außer Konkurrenz der Batterie-elektrischen Mobilität, also als Ergänzung gedacht vor allem für Schwerlastverkehr, öffentlichen Nahverkehr wie Busse oder Züge. Dafür ist er interessant, um zum Beispiel auch Zugstrecken, die man nicht elektrifizieren kann und die derzeit mit Diesel fahren, auf Wasserstoff umzustellen, um hier eben Klimaneutralität irgendwo zu erreichen. Aber auch der Wasserstoffeinsatz für die Wärmewende, wie man auch beim Hydrogen Dialogue gesehen hat, wird gerade heiß diskutiert. Da plädiere ich auch in dem Sinn dafür, dass man eher hier auch gewisse Technologie-Offenheit im Moment belässt, um da auch nichts auszuschließen. Vor allem auch in der Entwicklung. Am Ende wird es der Markt wahrscheinlich auch insofern regeln. Das sollte dann auch klar sein.

 

Nico Kubanek:

Ja, sehr spannend, ein bisschen tiefer in die Fragestellung und Diskussion in den Wasserstoff einzusteigen. Um das abzuschließen, würde ich jetzt gerne noch einen kurzen Ausblick von euch beiden persönlich haben. Wie geht es für euch weiter? Fabian?

 

Fabian Pfaffenberger:

Ja, wir treiben unsere Aktivitäten auf nationaler und internationaler Ebene fort. Wir vernetzen natürlich weiterhin unsere Wasserstoff-Akteure in Bayern auf der auf der bayerischen Ebene tauschen uns da natürlich auch sehr stark mit den regionalen Bündnissen aus. Es gibt ja auch verschiedene Förderregionen in Bayern, die wir mit betreuen. Das Wasserstoff-Bündnis wächst weiter, weil wir momentan fast 200 Partner Wasserstoff Bündnis 200 bayerische Partner. Das wird weiter wachsen. Es wird neue Entwicklungen geben. Das EU-Förderprogramm „Fit for Fifty Five“ kommt bald raus, muss man informieren, sichten. Und wir werden - das ist noch ein wichtiger Baustein jetzt bei uns auch dieses Jahr - noch eine Wasserstoff-Roadmap für Bayern veröffentlichen. Höchstwahrscheinlich dann Spätherbst im Winter. Das ist für uns noch sehr wichtig. Ansonsten es gibt, es gibt immer was zu tun. Der nächste Hydrogen Dialogue steht dann nächstes Jahr wieder an. Aber es tut sich sehr viel, deswegen gibt es auch immer sehr viel zu tun.

 

Nico Kubanek:

Und Simon, wie sieht dein weiterer Weg aus?

 

Simon Reichenwallner:

Ja, also wir wollen natürlich die Wasserstoff Initiative der Metropolregion Nürnberg weiter pushen. Wir sehen ja vor allem die Region als Heimat für Technologie- und Dienstleistungsunternehmen im Bereich der Wasserstofftechnologie. Das wollen wir natürlich nach außen tragen, verstärkt. Und dafür haben wir eben letztes Jahr auch dieses Projekt High Power EMN begonnen. Das wird auch vom bayerischen Heimatministerium gefördert bis Ende 2022. Und hier versuchen wir vor allem auch, dieses Standortmarketing für die Region zu stärken, die Themen Bildung und Öffentlichkeitsarbeit aber auch voranzubringen, dass man hier eben auch die Bevölkerung in der Region für dieses Thema sensibilisiert. Fabian hat es vorhin angesprochen: Es ist eben wichtig, auch hier Anwendungen zu zeigen, auch wenn man jetzt nicht die große Anwender-Modellregion sein wird. Aber einfach um die Akzeptanz zu steigern und auch Technologien zu testen, ist es eben wichtig, auch solche Anlagen in Regionen zu haben. Und andererseits wollen wir natürlich unser Netzwerk hier in der Region aber auch überregional ausbauen. Also wir haben im Moment so rund 150 Akteure in der Region, die das Thema Wasserstoff vorantreiben wollen. Und da sind wir natürlich dabei, das auszubauen. Und ja, jeder, der sich hier gerne beteiligen möchte, ist natürlich herzlich willkommen.

 

Nico Kubanek:

Klasse! Vielen, vielen Dank! So konnte auch ich wieder ein bisschen was dazulernen zu dem Trendthema Wasserstoff. Simon, Fabian, vielen, vielen Dank, dass er euch die Zeit genommen habt und uns etwas Einblick in eure Arbeit gegeben habt. Und alles Gute bei der Entwicklung zu einer nachhaltigen Wasserstoff-Region. Vielen Dank.

 

Simon Reichenwallner:

Vielen Dank, Nico.

Fabian Pfaffenberger:

Danke auch.

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