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Stories Innovationskunst

"In der Branche braucht es auf dem Weg zur Innovation einen langen Atem"

Innovationsvorreiter aus der Metropolregion Nürnberg: Bernd Montag, CEO des börsennotierten Medizintechnik-Herstellers Siemens Healthineers mit Hauptsitz in Erlangen (Umsatz im Geschäftsjahr 2022 rund 21,7 Milliarden Euro), im Gespräch über Herausforderungen, neue Technologien und Standorttreue.

 

Interview: Daniel Naschberger, Garber Advertising

Herr Montag, die Siemens Healthineers AG beschäftigt derzeit ca. 70.000 Mitarbeiter weltweit und ist globaler Innovations-Leader in ihrem Bereich. Was macht die Medizintechnik-Branche aus?

Man muss Medizin, Technik und das Geschäft des Kunden verstehen – die Bedürfnisse in den verschiedenen Gesundheitswesen weltweit sind mannigfaltig. Das Spannende: Wir sind Ingenieure und Physiker und entwickeln für Mediziner, die beurteilen, ob das, was wir tun, gut ist. Der Dialog aus Machbarkeit und Wunsch ist wichtig. Deshalb haben wir uns ein globales Netzwerk aufgebaut, mit über 2500 Kollaborationspartnern, in den USA, China, Europa – und auf lokaler Ebene. Wir kooperieren eng mit dem Universitätsklinikum Erlangen, den Forschungsinstituten der FAU Erlangen-Nürnberg, dem Fraunhofer Institut und vielen Start-ups der Plattform, die sich unter dem Namen Medical Valley in der Metropolregion etabliert hat.


Sie sprechen von den Gesundheitswesen?

Der Plural ist wichtig, denn damit sind die unterschiedlichen Länder gemeint, von denen jedes seine eigene Logik hat. Medizintechnik ist global: Ein Computertomograph ist ein Computertomograph, egal ob in Japan oder in den USA. Aber Healthcare ist lokal, ob das komplett staatlich oder privat oder gemischt wie bei uns abläuft. Die Unterschiede sind extrem. Die Welt gibt elf Prozent des BIP für Gesundheit aus. Klingt viel, aber was ist schon wichtiger als Gesundheit?! Das ist ein wesentlicher Teil der Weltwirtschaftsleistung. Und wir spielen da als Unternehmen eine nicht kleine Rolle.


Was sind aktuell die besonderen Herausforderungen der Gesundheitswesen?

In der Vergangenheit hat die Verbesserung der Hygiene die Lebenserwartung stark steigen lassen, Infektionskrankheiten hat man etwa mit Impfungen in den Griff bekommen. Nun aber nehmen weltweit die chronischen, nicht übertragbaren Krankheiten zu, zum Beispiel Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jetzt ist die erste echte Periode der Medizin, in der es um den individuellen Patienten geht. Und eine weitere Herausforderung, die es überall gibt, ist der Fachkräftemangel.


Stichwort Fachkräftemangel. Wie sieht die Situation derzeit wirklich aus?

Die Menschheit wird immer älter, aber es gibt immer weniger Junge, die sich um die Älteren kümmern können. Der Fachkräftemangel in der Medizin ist enorm, nach Schätzungen der WHO werden bis 2030 rund 10 Millionen Gesundheitsfachkräfte fehlen. Die Antwort, um das Riesenproblem zu lösen: Technologie, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz.


Das Purpose Statement von Siemens Healthineers lautet «We pioneer breakthroughs in healthcare. For everyone. Everywhere.» Was steckt dahinter?

Ein klares Bekenntnis zur Innovation. Und dass Medizin für Menschen überall zugänglich sein soll. 50 Prozent der acht Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu adäquater medizinischer Versorgung, die «entwickelte» Welt eingeschlossen. Es geht für uns nicht darum, irgendwelche Glanzleistungen für ein paar wenige zu bringen, sondern wie wir als Unternehmen aus der Metropolregion Nürnberg den Wandel im Gesundheitswesen aktiv mitgestalten können. Unser Ansatz auch hier: Technologie. Konkret Patient Twinning, Präzisionstherapie sowie Daten und KI.


Erläutern Sie das bitte.

Bei der Vision des Patient Twinning erzeugen wir eine Art digitale Kopie des Patienten. Anhand derer können zum Beispiel ein Eingriff virtuell simuliert und die Erfolgschancen bestimmt werden. So werden unnötige Eingriffe vermieden und nur die Eingriffe durchgeführt, die auch vielversprechend sind und dem Patienten wirklich helfen. Das ist quasi die logische Konsequenz aus unserem generellen Ziel, Behandlungen individuell auf Patienten abzustimmen und für jeden und jede die bestmögliche Therapie, idealerweise minimalinvasiv, zu finden.


Und was meinen Sie mit Daten?

Es geht um die Nutzung digitaler, datengestützter Anwendungen sowie KI, um Abläufe bei den Gesundheitsversorgern mit technologiebasierten Dienstleistungen zu verbessern. Man kann etwa Patientendaten in einer dreidimensionalen, fotorealistischen Ansicht visualisieren. Wir bedienen uns dafür auch technischer Entwicklungen, die in anderen Industrien stattfinden, etwa im Filmbereich. Es entsteht eine völlig neue Detailgenauigkeit in allen anatomischen Bereichen, bessere Daten heißen auch bessere Diagnostik oder Planungen von Operationen.


Wie schnell gehen solche Innovationen bei Ihnen voran?

Unser photonenzählender Computertomograph bietet Ärzten zum Beispiel eine gestochen scharfe Darstellung und zusätzliche Informationen, welche die Diagnose und Therapie wesentlich verbessern. In diese Technologie haben wir seit 2003 investiert, die erste kommerzielle Einführung erfolgte 2021. In der Branche braucht es auf dem Weg zur Innovation einen langen Atem.


Forschung und Entwicklung muss demnach einen entsprechend hohen Stellenwert haben.

Dafür geben wir rund 1,8 Milliarden Euro aus. Und das lohnt sich. Mehr als 70 Prozent der kritischen klinischen Entscheidungenbasieren auf Technologien, die wir im Portfolio haben. Wir haben über 23.000 technische Schutzrechte, davon 15.000 erteilte Patente. 42 Prozent unseres Umsatzes basieren auf Innovationen aus Produkteinführungen der letzten drei Jahre.


Bietet die Metropolregion das passende Umfeld für Innovationskultur?

Ich habe mich nach meinem Studium an der FAU entschieden, zu einem lokalen Unternehmen zu gehen. Heute ist die Siemens Healthineers AG im DAX gelistet. Sie steht für Innovation aus der Metropolregion. In unserem Metier ist das Zusammenspiel aus Wissenschaft, Medizin, Industrie und Politik sehr wichtig. Und das ist hier gegeben. Die Metropolregion hat Riesenpotenzial. Als Medizin- und Medizintechnikstandort sind wir weltweit ganz vorne mit dabei. Es gibt ja nicht nur uns als Global Player, sondern auch einen großen, breiten Mittelstand.


Wie sieht Ihr Bekenntnis zum Standort aus?

Wir bauen gerade für 80 Millionen Euro im oberfränkischen Forchheim eine neue Fabrik zur Züchtung von Kristallen für die Halbleiterproduktion, die Kristalle benötigen wir für die bereits erwähnten photonenzählenden Computertomographen. Wir schaffen damit 100 neue Arbeitsplätze. Es ist die zweite große Investition in den Standort Forchheim innerhalb von drei Jahren. Seit 2019 haben wir insgesamt etwa 500 Millionen Euro in den Ausbau des Standorts investiert.

 

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